Die Geschichte des Fahrrads

  • Post by  Livall Smart Riding Gepostet am Feb 27, 2017

Vom Hochrad zum Bike

Wenn man bedenkt, dass das Rad schon mehrere tausend Jahre vor dem Beginn unserer Zeitrechnung erfunden wurde, überrascht es, dass es noch einmal mehrere tausend Jahre dauerte, bis jemand auf die Idee kam, ein Fahrrad zu bauen. Erst im 19. Jahrhundert machten sich Tüftler und Erfinder aus Europa daran, Zweiräder als Fortbewegungsmittel zu konstruieren.

 

Als Geburtsstunde des modernen Fahrrads wird die Erfindung der Laufmaschine im Jahr 1817 angesehen. Der badische Forstmeister Karl Drais stellte in diesem Jahr in Mannheim die später nach ihm benannte Draisine vor. Für die Ursachen von Drais' Erfindung gibt es verschiedene Theorien. Eine besagt, dass Drais in der Zurückgezogenheit des Biedermeiers viel Zeit hatte, seine Lust am Tüfteln auszuleben.

 

Eine andere Theorie vertritt die These, dass schwere Missernten zwischen 1812 und 1817 die Entwicklung entscheidend vorantrieben. Damals habe es kaum genug Getreide gegeben, um ausreichend Brot für die Bevölkerung zu backen. Deshalb sei das Korn als Futter für Pferde, welche die Kutschen zogen, ebenfalls zu teuer gewesen. Deshalb habe Drais nach alternativen Fortbewegungsmitteln gesucht, die ohne Pferde auskommen sollten.

 

Drais' Laufmaschine war eine Sensation, da man mit ihr viel schneller und mit weniger Anstrengung Strecken zurücklegen konnte als zu Fuß. Der Fahrer sitzt dabei auf dem Gefährt und stößt sich mit den Beinen vom Boden ab. Da sein Gewicht von der Konstruktion getragen wird, ist diese Art der Fortbewegung deutlich leichter und gelenkschonender als zu Fuß zu gehen.

 

Fahrrad geschichte

 

Gelenkt wird mit einem Stock, der direkt mit dem Vorderrad verbunden ist. Das ermöglicht es zu steuern, auch ohne dass ein Fuß den Boden berührt. Das Gleichgewicht hält der Fahrer, indem er die Ellenbogen auf einer Armablage unterhalb des Lenkers auflegt und durch Gewichts-verlagerungen auf dem Brett die Balance beibehält.

 

Trotz dieser Vorteile wurde die Draisine kein Verkaufs-schlager. Dazu waren die Straßen noch zu schlecht ausgebaut. Zudem war die Laufmaschine gegenüber den allmählich aufkommenden pedalgetriebenen Fahrrädern zu langsam und zu teuer.

 

Fahrrad Geschichte

 

Mitte des 19. Jahrhunderts entwarf der französische Kutschenbauer Pierre Michaux ein Zweirad mit „Tretkurbeln". Diese Antriebstechnik war allerdings nicht neu. Bereits im Mittelalter verwendeten Handwerker Schleifsteine mit Pedalen. Mit Michauxs Veloziped, der später nach ihm benannten „Michauxline", kam man deutlich schneller und kraftsparender voran als mit der Draisine, da man sich nicht mehr vom Boden abstoßen musste.

 

Besonders komfortabel war eine Fahrt auf dem Gefährt jedoch nicht. Die Räder waren mit Eisen beschlagen. Um den Komfort wenigstens etwas zu erhöhen, verkleinerte Michaux das Hinterrad. Über diesem brachte er den Sattel auf einem Bügel an, der die gröbsten Stöße abfedern sollte. Der Erfolg der Maßnahme war jedoch eher bescheiden. Nicht umsonst bekam die Maschine in England den Spitznamen „Boneshaker" (Knochenschüttler).

 

Ein Nebenaspekt der Federung sollte für die Weiterentwicklung des Fahrrads große Bedeutung erlangen: Wenn man das Antriebsrad vergrößert, kann man bei gleich vielen Tritten größere Strecken zurücklegen. Diese Überlegung führte zum Bau von Hochrädern, bei denen das Vorderrad deutlich größer war als das Hinterrad, das im Prinzip nur noch ein Stützrad war. Für Hochräder war die Entwicklung von Felgen mit leichten, aber dennoch stabilen Stahlspeichen wichtig. Als Erfinder des Hochrades gilt der Engländer James Starley.

 

Im Extremfall betrug der Durchmesser des Vorderrades zwei Meter. Dieses sowie kugelgelagerte Räder und Kautschukreifen erlaubten zwar hohe Geschwindigkeiten bis 40 km/h, machten das Fahren aber auch gefährlich, da der Schwerpunkt des Rades sehr hoch war und fast direkt über dem Vorderrad lag. Stürze, teilweise mit Todesfolge, waren an der Tagesordnung. Hersteller boten sogar Kurse an, um das unfallfreie Auf- und Absteigen zu erlernen.

 

Dennoch erfreute sich das Hochrad großer Beliebtheit, erlaubte es doch jedem, sich wie ein Adliger „hoch zu Ross" fortzubewegen. Doch die Behörden reagierten auf die Unfallhäufigkeit. Zeitweise war der Erwerb eines Radführerscheins Pflicht, das Fahren auf öffentlichen Wegen wurde verboten. Gegen 1860 hatten die Fahrradhersteller ein Einsehen und begannen mit der Produktion von niedrigeren Rädern.

Fahrrad Geschichte

 

Um den Verlust an Geschwindigkeit, der durch den Wegfall der großen Räder bedingt war, auszugleichen, entwickelte der französische Uhrmacher Andre Guilmet 1869 ein Fahrrad, bei dem die Tretkurbeln nicht am Vorderrad, sondern wie bei modernen Fahrrädern in der Mitte des Gefährts angebracht waren. Per Kette wurde die Kraft auf das Hinterrad übertragen. Eine Zahnradübersetzung sorgte dafür, dass die Geschwindigkeiten genauso hoch waren wie die von Hochrädern.

 

1884 stellte John Kemp Starley, Neffe des Hochrad- Erfinders, das Sicherheits-Niederrad „Drachen-Rover" vor. Es hatte ebenfalls eine Kette, die mit dem Hinterrad verbunden war. Mit diesem Rad, das sich schnell zu einem äußerst begehrten und beliebten Produkt entwickelte, vertrieb Starley die letzten Hochräder und Michauxlinen.

 

Vom „Drachen-Rover", der modernen Fahrrädern schon erstaunlich ähnlich sieht, bis zum heutigen technischen Standard fehlten nun nur noch wenige Schritte. Diese wurden schnell gemacht. 1888 erfand der britische Tierarzt John Boyd Dunlop den Luftreifen und eröffnete damit Radfahrern eine neue Dimension des Komforts gegenüber den seit einigen Jahren gebräuchlichen Vollgummireifen.

 

Nur ein Jahr später, 1889, patentierte in den USA A. P. Morrow den Freilauf, den Ernst Sachs zuvor in Deutschland entwickelt hatte, zusammen mit der Schaltung.

 

Dank der industriellen Massenfertigung wurden Fahrräder, die wenige Jahre zuvor im Verhältnis noch fast soviel kosteten wie heute ein Kleinwagen, für immer mehr Leute erschwinglich.

 

In den folgenden Jahrzehnten folgten viele Weiterentwicklungen, Verbesserungen und technische Spielereien, etwa Riemen- oder Kardanantrieb. Doch das Gründgerüst des Fahrrads - Rahmen, Räder, Pedale, Sattel, Lenker - ist bis heute im Prinzip unverändert geblieben.